Kollegium
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Eins vorweg: Trotz aller Unterschiedlichkeit der Charaktere - ich bin gern dorthin auf Arbeit gegangen.

Und auch, wenn ich mich über das eine oder andere hier moniere: Sie waren alle nett und freundlich und hilfsbereit und wie ich dem System angepasst. Die einen mehr, die anderen weniger. Bis auf eine Einzelperson, die später dazukam.

Eine Besonderheit, die wohl kaum jemand nachvollziehen kann, wenn er nicht unter diesen damals typischen DDR-Verhältnissen gelebt hat war Folgendes: Sobald mehr als drei, vier Personen zusammen waren, veränderte sich die Sprache. Sie wurde, unabhängig von der eigenen Meinung, verbal plötzlich  linientreu. Vorsichtig abschätzend, die Wortwahl überlegend, immer einen Hauch Optimismus in die sozialistische Zukunft verstreuend.

Es hat eine Weile gedauert, bis ich darauf aufmerksam wurde. Nicht vergessen, im Grunde meines Herzens war ich (wenn auch nicht system-  so doch) sozialismustreu. Ich habe es, glaube ich, zuerst an mir bemerkt.

Am deutlichsten zeigte sich das bei E. (eine sonst humorvolle, kollegiale und nette Frau). Sie knebelte ihre Schüler mit politischem Schwachsinn, gab ähnliches im Kollegium wieder, war privat aber ganz vernünftiger Meinung. Bärbel gab ebensolchen Unsinn von sich, aber sie war ehrlich und glaubte an  das, was sie sagte. Sie hatte es nicht besser gelernt und auch nicht gelernt, zu differenzieren. Sie hat sich damals gewundert, als ich sie bei meinem Abschied umarmte.

Wir mussten uns jeden Montag aus der Zeitung vorlesen. Grauenhaft! Politinformation nannte sich das. Als wenn ich nicht selber hätte lesen können.  (Damals habe ich noch die "Freie Presse" und das "Neue Deutschland" gelesen und versucht, zwischen den Zeilen Fortschritt zu finden.)
Eva war da mit ihren Zeitungsschnipseln am eifrigsten. Ausgeschnitten und darin schön angestrichen, was denn für unsere politische Bildung hätte wichtig sein können. Gemacht haben wir das alle - aber bei ihr sah es besonders akkurat aus. Fast wissenschaftlich.

Es ist mir trotz jahrelanger vorsichtiger Argumentation nicht gelungen, diesen Unsinn abzuschaffen. Als er abgeschafft wurde, war ich leider schon im "Westen". Und das bedaure ich sehr. Irgendwie hätte ich es als persönlichen Triumph empfunden, obwohl er das nicht gewesen wäre. Im Grunde hat es niemand gefallen - nur mitgemacht haben sie alle. Ich eingeschlossen.

Als ich - dummerweise - mal laut auf die Frage eines Schülers verkündete, dass ich manchmal auch Westfernsehen sehen würde, da wurde ich zum Montagsproblem. Meine schüchterne Argumentation, dass man seine "Feinde" kennen müsse, um sie auch richtig bekämpfen zu können, blieb im Raum stehen. Alle "Westfernsehgucker" hüllten sich in Schweigen (Damals wusste ich noch nicht, dass alle meine Kollegen sich richtig informierten). Im Übrigen wurde bei uns offiziell darüber nie wieder gesprochen. Nur in Einzelgesprächen ... wenn es eben weniger als drei, vier Lehrer waren. Margitta sagte mal, so etwas zu sagen hätte sich bisher keiner getraut. Ja, was schon?

Eines Tages stieß Smol. zu uns. So ein langer, großer und unsympathischer, mit Schuhgröße 45 oder mehr ...   Dass er etwas mit der Stasi ( Ministerium für Staatssicherheit)  zu tun hatte, habe ich nie schwarz auf weiß belegt gesehen, dass mein Schreibtisch untersucht worden ist, das weiß ich. Dass er mal rasch in die SED eingetreten ist, das ist auch Fakt. Schwupps wurde er stellvertretender Direktor. So ein Zufall aber auch.

Typisch für ihn war folgendes:
Tritt andere mit Regeln, die du selbst aufgestellt hast, aber befolge sie niemals selbst, denn du könntest etwas von deiner Überheblichkeit  verlieren.
Machen wir das an einem Beispiel fest:  In der  Dorfschule kam jemand auf die Idee, man könne im Schulhaus Hausschuhe tragen, um den Schmutz zu verringern. Also wurden die Schüler zu dieser Tat angehalten. Vorbildwirkung ist was Gutes, darum hielten sich auch alle Lehrer daran. Bis auf Smolinsky. Der sich aber nicht zu fein war, die Schüler, die es ihm nachmachen wollten, zu bestrafen.

Ich denke, mein Lieblingswitz hat schon was an sich. In seinem Fall geht die Antwort aber tiefer: Perfide, rücksichtslos und scheinheilig.

Erika hatte einen dämlichen wendehalsischen Mann. Sie war über Jahre meine Chefin. Irgendwann habe ich ihr mal gesagt, sie sei keine richtige Direktorin. Ihr fehle das energische Durchsetzungsvermögen. Sie hat nie richtig geschimpft wenn ich es dauernd verschlief, zu spät zum Unterricht kam und dumme Ausreden verwendete. (Aus welchen Gründen auch immer: In der Zeit nach dem Studium hab' ich früh manchmal den Wecker nicht gehört.)

Erst viel später habe ich verstanden, dass man auch mit Güte und Nachgiebigkeit leiten kann. Und ich habe sie schätzen gelernt. Sie war die Personifizierung einer Unterstufenlehrerin. Sprach mit uns und anderen eben so, als wären wir Erstklässler (lasst mich ruhig übertreiben ...). Ich kritisiere das  nicht an ihr, sondern stelle einfach nur fest, dass man mit der Zeit schon eigenartig werden kann, wenn man als Lehrer nur ein und dasselbe tut. Aber irgendwann hab ich mal "Mutti" zu ihre gesagt. Das hat die Runde mächtig erheitert.

Aber noch einmal - ich habe sie gemocht und tue das noch heute. Sie war und ist eine "Seele".

Alles in allem habe ich mich in dieser Truppe trotz Widersprüchlichkeiten eigentlich sehr wohl gefühlt. Günter trank gern einen, bei Gisela konnte man keine schmutzigen Witze erzählen (als ich mal eine meiner dummen Bemerkungen bei ihr hinterließ sagte sie "Du Arsch ...." und wurde dabei sofort puterrot).  Helga hat geraucht und der Hausmeister heimlich unseren Schnaps aus dem Kühlschrank probiert, während wir Günter verdächtigten, Eva war kräftig und lustig ... Verstanden habe ich mich vor allem mit Karin und Roland.

Und was den anderen an mir nicht gepasst hat - da gibt's eine Menge, na, das müssen sie schon selber erzählen. Fehlerfrei sind vielleicht andere. Ich auf jeden Fall nicht.

 

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