Sprachqual - Das Vorwort
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Ich liebe alle Frauen.  Mehr oder weniger.  Mehr mehr ... nur wenige weniger ...
 
Der Hintergrund dieses Themas ist eine ständige Qual, die ich mit mir herumtrage. Die Sprache. Seit meiner Kindheit benutze ich sie nicht nur, um mich zu artikulieren, sondern auch, um zu kommunizieren.

Mai 1919 erschien in der "Neuen Züricher Zeitung" unter dem Titel "Die deutsche Sprache" ein Aufsatz von Robert Walser:
"Einst war sie stark und groß, ihr Blick, ihre Gebärde waren herrlich, doch kam eine Zeit, wo sie sich vergaß, sie ließ sich missbrauchen, und da wurde sie hässlich. Die, die sie redeten, machten sie zum Ausdrucksmittel für alles Banale, so dass alle Welt sich über ihre Erniedrigung lustig machte. Die schöne Gestalt fiel zusammen. Was vorbildlich gewesen, wurde zum Spottbild. Der prächtige Baum verdorrte, und dabei gefiel sie sich noch, so schlecht war sie geworden. Die Schmach dauerte lange. Einige dachten, dass sie dem Tode nahe sei, und sie hatten recht. Sie starb, das heißt, sie schlich hin wie eine Tote. Niemand glaubte, dass sie je wieder zu Kräften käme. Sie verlor all ihren Liebreiz, klang trocken, hart und albern und diente fast ausschließlich zu Barschheits- und Schneidigkeitszwecken. Ihre verdorbene Stimme war das denkbar Misslichste, den meisten grauste es vor ihr. Ja, sie war krank und liegt nun zertreten, doch es leben Leute, die sie lieben wie immer und ihr treu bleiben wollen, denn sie denken, sie sei unausrottbar und werde ihre Schönheit wieder gewinnen. ..." (Auszug)

Walser wusste nicht, was der Sprache noch bevorstand. Goebbels "arisches" Deutsch (s. a.: Lingua Tertii Imperii, von Victor Klemperer), die Sprachmauern des Kommunismus, das Neudeutsch auf Denglisch und ...

... 1992 wurde ich mit den Forderungen linguistischer Feministen konfrontiert (obwohl es das natürlich schon viel früher gab) ... A(Ä)rzt(e)Innen  ...  Oder: Eigenhändige Unterschrift des/der Antragssteller(s)/in oder sein(es)/er bzw. ihr(es)/er gesetzlichen Vertreter(s)/in...

Später, als ich in die Pressestelle eines Landratsamtes wechselte, legte man mir ein Buch vor, in dem erklärt wurde, wie und wo ich die weiblichen Formen der Wortwahl zu benutzen hätte. Regeln für den "nicht-sexistischen Sprachgebrauch". Hatte ich diskriminierend geschrieben, dass man mir das Büchlein wohlmeinend zukommen ließ? Als plötzlich begonnen wurde, meine Texte diesbezüglich zu korrigieren und ich aufgefordert wurde, den neutralen Plural und die weibliche Form gleichzeitig zu benutzen, überfiel mich Missbehagen. Das wollte ich der schönen deutschen Sprache eigentlich nicht antun. Tat es aber trotzdem. Ich wusste es nicht besser und war zu bequem, selbst die Ursachenforschung zu betreiben.

Frauen fordern die Gleichberechtigung in der Sprache. Das ist legitim und hätte schon von Anbeginn der Zeit sein müssen. Ich meine nicht die Forderung, sondern die Gleichberechtigung. (Was mich wundert, dass das die Frauen erst jetzt entdeckt haben, dass sie in der Sprache nicht gleichberechtigt wären, wo sie doch genetisch und gesellschaftlich verbal dominieren...)

Also "der Arzt" und "die Ärztin" oder "der Lehrer" und "die Lehrerin" und so weiter. Leider, wie man in der "Wider die Sprachqual ..." nachlesen kann, benehmen sich einige beim Versuch der Umgestaltung fast gnadenlos.

Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.(Victor Klemperer)

Ich habe mich eigentlich erst jetzt damit beschäftigt. Und mit Entsetzen festgestellt, dass die Liste der Missverständlichkeiten unendlich sein kann, wenn man akribisch versucht, sie herbeizusprechen.

 

Aus der sprichwörtlichen Stecknadel im Haufen des Heus kann, wenn gewünscht, der Heuhaufen selber werden. Ganz leicht ist aber auch die gezielte sprachliche Diskriminierung der Männer zu finden. Da braucht man nicht einmal mehr Haarspalterei zu betreiben.

Ich denke, es ist der Sache nicht dienlich,  aufzulisten, was hier und da dieser und jene  formuliert haben und es triumphal als Beweis heranzuziehen. Manche sagen Wortklauberei dazu oder Krümelkackerei.

Trotzdem waren diese weiblichen und männlichen Krümel einen Blick wert. Ich gebe zu, ich hätte mich köstlich amüsieren können, wenn es die jeweiligen Verfasser nicht bitter ernst gemeint hätten. Einige Frauen heben gezielt und mit Fleiß tiefe Gräben aus, die überhaupt nicht sein müssen. Darum gibt es inzwischen auch Männer, die ihrerseits Bollwerke errichten. Oder gab es die schon immer?

Ich behaupte: Kein Mann hat auch nur das geringste Interesse daran, an der Ausblendung der Frau in der Sprache zu arbeiten. Es interessiert ihn einfach nicht. Allerdings werden manche Männer inzwischen munter: Sie sehen sich einer Kampagne gegenüber, die sie wohl unterschätzt haben.

Nichts dieser Extreme vertritt meinen Standpunkt. Ich bezweifle auch, dass Männer ihre Sprache benutzen, um Frauen zu benachteiligen. Da aber einige der Meinung sind, das wäre so, tut es mir nicht weh, die Bedenken zu bedenken.

Wenn's denn so ist - warum können wir nicht auch Frauschaft (statt Mannschaft) sagen? Obwohl Mannschaft schon weiblich besetzt ist. Jedenfalls grammatisch. Heißt ja "Die Mannschaft". Da haben die Männer beim Ausdenken einer sexistischen und maskulin dominierenden Sprache irgendwie gepatzt.

Um dem Folgenden den Kern vorweg zu nehmen: Ich befürworte grammatikalische Oberbegriffe und den alle Geschlechter einschließenden neutralen Plural, gleich ob er aus weiblichem, männlichem oder sächlichem Genus gebildet wird. Ich lehne darum die unsägliche Paarnennung im Plural und den Gebrauch von Sonderbuchstaben und Zeichen in Wörtern ab, weil man sie nicht sprechen kann. Die Sprache wird dann unschön, nicht mehr lesbar und entbehrt einer gesunden Ästhetik.
Außerdem: Ich will nicht, dass sich Gemeinsames trennt. Geschieden wird, sozusagen.

Eines der für mich wichtigsten Argumente aber ist: Streng genommen mündet die Paarnennung weiblichen und (subjektiv gedachten, weil ja grammatisch falsch ausgelegt) männlichen Geschlechts im Plural in die Missachtung des Grundgesetzes, Artikel 3. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich ...   Also genau das Gegenteil von dem, was eigentlich angestrebt werden sollte: Gleichberechtigung und Gleichstellung.
Diese Aussage kommt Ihnen jetzt absurd vor? Keineswegs, wenn man die Forderungen der Feministinnen in der Sprache ernst nimmt.

Mit keinem Wort - gesprochen oder geschrieben - will ich jemand(in) diskriminieren. Meine Gedanken sollen mir aber helfen, mich gleichberechtigt zwischen den Worten zu bewegen. Obwohl - ich werde bereits diskriminiert. Und nicht zu knapp.

Was ich mir wünsche ist ein maßvoller und richtiger Gebrauch  - vor allem im Hinblick auf die (noch schöne?) deutsche Sprache. Ich könnte mir allerdings auch vorstellen, dass sie, weil sie gebrochen und zerhackt wird, in nicht allzu ferner Zukunft verschwindet. Weil niemand sie mehr mag. Bis auf ein paar ...

Fazit: "Wider die Sprachqual ..."

Dezember 2005/Dezember 2006/Mai 2010

 


PS.: Natürlich gibt es weitere Faktoren, die der deutschen Sprache nicht gut tun. Auf ihre Analyse habe ich verzichtet, weil sie sich natürlich entwickeln und nicht staatlich verordnet grammatikalische Zwänge und Brüche erzeugen. Obwohl - auch dort erwartet uns nichts, was dem Deutsch zur Genesung verhelfen würde.
Außerdem: Der sogenannten "neuen" deutschen Rechtschreibung (die ich für sehr sinnlos und geradezu zerstörend halte) stehe ich so hilflos gegenüber, dass ich wieder schreibe wie ich denke. Basta.
Wer sich aber genauer damit auseinander setzen möchte, dem sei folgende Seite warm ans Herz gelegt: http://home.arcor.de/unipohl/index.html

Außerdem bin ich dabei, der Aktion "Lebendiges Deutsch" Sympathie entgegenzubringen.

 

 

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