Sturz der DDR
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Ich kann nicht mehr genau sagen, wann ich die DDR stürzen wollte. Aber es muss so in der zehnten Klasse gewesen sein.

Ich kam auf die Idee, eine Geheimorganisation zu gründen. Dazu brauchte man Mitglieder. Ich habe mit meinem Nachbarn G. angefangen.

Damals hatte ich herausgefunden, wie man Geheimschrift weiterleitet. Das ging so: Auf kariertes Papier legte man eine ebensogroße karierte Fläche auf. Darin waren in unregelmäßigen Abständen Kästen ausgeschnitten. In diese Kästchen übertrug man nun die Botschaft. Buchstabe für Buchstabe. Dann wurde die Schablone einmal gedreht und weiter ging's. Bis zum Ende der Mitteilung.

Nahm man die Schablone weg, waren nun nur noch die leer gebliebenen Stellen des Karos irgendwie mit Buchstaben zu füllen. Das Ergebnis war eine Fläche mit sinnlos angeordneten Lettern. Und ohne die Schablone nicht mehr zu entziffern.

Als ich G. fragte, ob er Mitglied einer geheimen Organisation werden wollte, war der natürlich gleich Feuer und Flamme. Er erhielt nun ein Buch von mir, in dessen Umschlag ein solcher Buchstabensalat versteckt war. Und schließlich die Schablone.

So schickten wir uns erstmal erste Nachrichten. Jetzt waren wir schon zwei Mitglieder.

Das Ziel war klar: Wir werden mal die Regierung übernehmen.
Und G. machte sich auf, neue Mitglieder zu rekrutieren.

Also, ich weiß nicht, wie viele es zum Schluss waren (wahrscheinlich drei oder vier), aber wir redeten uns ganze Hundertschaften ein. Aber meine Tante Lene, der ich mal anlässlich eines Geburtstages anbot, meine zukünftige Außenministerin zu werden, meinte, ich solle lieber in die Lehrbücher sehen.

Nachdem unsere Organisation auf diese Weise prächtig gediehen war, mussten Waffen beschafft werden. Die Maßnahme mit der ersten Pistole war ziemlich schwierig. Das wollte G. übernehmen, aber er schaffte das irgendwie nicht. Und auch mir wurde inzwischen klar, dass ich (scheinbar) was ins Leben gerufen hatte, das ich nicht mehr beherrschte.

Was, wenn die paar hundert Geheimen jetzt endlich ihren Verbindungsmann sehen wollten, der sie dann wieder mit den eigentlichen (ausgedachten) Anführern zusammenbrachte, um der ganzen Geschichte richtig Schwung zu verleihen?

Auf einem Spaziergang einigten wir uns dann darauf, uns vorsichtig aus der "Organisation" zurückzuziehen, weil's zu gefährlich geworden war.

Darum musste ich später einen Ausreiseantrag stellen. Ich bin eben doch nicht zum Regieren geboren.