| Technikus
Mitte der sechziger Jahre boten die in TECHNIKUS abgedruckten SF-Stories das gewohnte Bild dieser Zeit: technisch
und zukunftsprognostisch motivierte Geschichten von zumeist
inländischen Autoren, aber auch je eine Erzählung von
Arthur
C. Clarke und Gleb Anfilow. Ein Novum waren drei Texte von
Carlos
Rasch, die 1968 erschienen. Der Autor stellte der Redaktion
drei Anfänge von Erzählungen zur Verfügung, die mit einer
Ausnahme im selben Jahr in seinem ersten Erzählungsband
Krakentang erscheinen würden, und die Leser wurden
aufgerufen, die Geschichten zu vollenden. Das Ergebnis muss aber
verheerend gewesen sein, woran auch Carlos Rasch nichts ändern
konnte, der schon vorher im Berliner Fanzine PHANTOPIA seine Texte abdrucken ließ, um den SF-Fans einen Zeitvorsprung zu
verschaffen. Die TECHNIKUS-Redaktion
kam jedenfalls nicht wieder auf das Thema zurück und druckte in
Nr. 8/1968 ohne weiteren Kommentar nur eine erfolgreiche
»Storyvollendung« ab: »Vorsicht Roboter! Nicht fluchen!« von
Wolfram Kober.
Das Konzept des Leser-Geschichtenwettbewerbs
hatte die Redaktion schon ab der Ausgabe 8/1967 erstmals
verwirklicht; in den folgenden Jahrzehnten sollte es im Wechsel
mit Endlosserien mehr oder weniger bekannter DDR-Autoren für TECHNIKUS typisch werden.
Aber der Reihe nach. Im ersten Leserwettbewerb
»Schüler schreiben für Schüler« erschienen SF-Texte noch
sporadisch, die folgenden drei Wettbewerbe waren dann
ausschließlich der wissenschaftlichen Phantastik gewidmet – oder
dem, was man dafür hielt: »Zukunft phantastisch« (Nr. 1/1981 bis
Nr. 12/1982), »Bereit fürs 3. Jahrtausend« (Nr. 1/1983 bis Nr.
5/1984) und »Das neue Jahrtausend: Leser schreiben für Leser«
(Nr. 1/1987 bis Nr. 6/1987). Das Niveau der eingereichten und
abgedruckten Wettbewerbsbeiträge war allerdings äußerst
bescheiden. Und dies kann man nicht nur mit dem Alter der TECHNIKUS-Leser und -Wettbewerbsteilnehmer begründen – die Zeitschrift
richtete sich an 13- bis 16-jährige – sondern muss auch in hohem
Maße der Redaktion angelastet werden. In den Wettbewerbsaufrufen
und anschließenden -auswertungen wurde ein Bild von SF
vermittelt, wie man es in dieser technizistischen und
platt-zukunftsprognostischen Ausrichtung schon seit Jahrzehnten
für überwunden glaubte. Und schließlich wurde den jugendlichen
Lesern durch die Endlosserien, die das Bild von TECHNIKUS bestimmten, ein Niveau vorgegeben, das schwer zu unterschreiten
war. Da war zunächst Rolf Hofmann, der auch redaktionell die
meisten Leserwettbewerbe betreute, mit seiner Serie
»Raumkadetten«. Von Nr. 5/1976 bis Nr. 12/1980 und noch einmal
in Nr. 3–12/1985 erschienen 67 Folgen. Dies machte
»Raumkadetten« zur mit Abstand größten SF-Serie in der DDR; dass
eine geplante Buchausgabe 1990/1991 der Wende zum Opfer fiel,
haben wohl nur die Komplettsammler bedauert. Hans-Peter Schulze,
der Chefredakteur der Zeitschrift, steuerte unter den
Pseudonymen Peter Sievers bzw. Hans-Peter Sievers die Serie
»Saurier-Marlies« bei, und schließlich konnte die Redaktion
einige bekannte DDR-Autoren gewinnen, die sich in ihren
Beiträgen erfolgreich dem Niveau von technikus
anpassten: Wolfram Kober, der als Schüler bei TECHNIKUS debütiert hatte, sowie Hans Bach mit eigenen Serien, Karl-Heinz
Tuschel,
Alexander Kröger, Richard Funk, Paul Ehrhardt, Ernst-Otto
Luthardt und Klaus Klauß mit Einzelerzählungen in der Reihe »Das
neue Jahrtausend. Bekannte DDR-Schriftsteller für euch«.
Wolfram Kober: Nova
(Verlag Das Neue Berlin 1983)
"Kennen Sie das Gefühl, wenn ...
?"
Oft wird man in Büchern so, oder so ähnlich vom Autor bzw.
seinen jeweiligen Figuren angesprochen. Zeugt es von der
Qualität des Autors,
wenn man diese Frage mit "Ja!" beantworten muss? Ich meine
schon.
Wolfram Kobers Sammlung von 10 utopischen Erzählungen befasst
sich mit menschlichen Schwächen und Stärken.
In der ersten Erzählung "Ich bin ein Mensch" entdecken zwei
Piloten, Garbor und Fealer, ein außerirdisches Raumschiff. Im
Dialog mit dem
fremden Wesen auf dem Schiff versuchen sie ihr Menschsein
darzustellen und verteidigen die menschliche Zivilisation, da
das Wesen zu dem Schluss
gekommen war, die beiden aus Sicherheitsgründen zu liquidieren,
weil sie gewaltsam in das Schiff eingedrungen waren. Sie seien
vom Trieb und der Ungeduld geprägt. Das Wesen, als Summe des
Denkens vieler Intelligenzen, wird begreifen, dass die
Menschheit in ihrer Summe von vielen verschiedensten Individuen
trotzdem friedliebend und nicht nur triebgesteuert sein kann.
Die zweite Geschichte, "Genesung" befasst sich mit den
Nachteilen einer übertechnisierten Gesellschaft, in der der
Mensch nach Joule- und Mineraltabellen isst, der Schlaf auf eine
bestimmte Uhrzeit genau festgelegt werden kann, und selbst die
Anzahl der Orgasmen beim Sex vorher festgelegt wird. Der Held
der Geschichte, Bizell, leidet unter dieser Vorbestimmtheit, und
als er mit seinem Gleiter über einem Dschungel abstürzt, merkt
er, wie abhängig er doch von ihr geworden ist. Sein
untrainierter Organismus kommt mit den Anforderungen zum
Überleben im Dschungel nicht klar. Er wird vor Probleme
gestellt, mit denen er sich noch nie befassen musste. Tagelang
irrt er, schließlich nur noch kriechend, durch den Dschungel.
Als er gerettet wird und es die ach so verhasste Technik ist,
die ihm das Leben rettet, beginnt er sich aus den Fesseln zu
befreien. Den Weg nach Hause nimmt er zu Fuß...
Die Verantwortung für seine Mitmenschen spielt in "Schuld" eine
große Rolle. Zwei Techniker arbeiten in einer Außenstation eines
Saturnmondes. Beide sind ein eingespieltes Team und auf so etwas
wie Reglements und Vorschriften diverser Bürohengste pfeifen
sie. Es kommt, wie es kommen muss. Sie bringen sich in eine
Situation, in der es nur für einen von beiden eine
Überlebenschance gibt. Beide geben sich die Schuld...
Dass Zuhören und Zuhören zwei völlig verschiedene Sachen sein
können, wird in "Nova" erzählt. Ein junger Mann bleibt auf einem
vom Untergang bedrohten Planeten einer außerirdischen Rasse
zurück. Seiner Geliebten werden von ihrem ehemaligen Freund, der
an der Mission teilnahm, die Ursachen und Abläufe des Geschehens
geschildert. Dabei erkennt er, warum sie diesen jungen Mann
liebte und sich von ihm getrennt hatte. Es war der gleiche
Grund, aus dem er nicht auf dem Planeten geblieben ist...
Können aus Menschen roboterähnliche Wesen gemacht werden, die
dann perfekte Soldaten sind? In einer alptraumhaften Szenerie
spielt die Geschichte "Der Krieg". Eine Einheit trifft mitten im
Gefecht auf eine für sie surreale Situation, in der die Frage
gestellt wird, wie menschlich sie noch sind. Sie wissen nicht,
dass sie nur durch Menschlichkeit überhaupt überleben können...
In "Das Wrack" erforschen Menschen ein außerirdisches Artefakt.
Einige klammern sich dabei zu sehr an Richtlinien, die
eigentlich nicht für einen Fall wie diesen gedacht waren. Neue
Ideen werden unterdrückt, der scheinbar sichere Weg zeigt sich
als schwer verhängnisvoll...
Wir kennen den Unterschied zwischen gesundem und falschen
Ehrgeiz, oder? Was ist erlaubt, wann und wo geht man zu weit? In
"Ehrgeiz" bringt der Chief einer Schienenkontrollgruppe sich und
seine Leute durch sein Verhalten in eine lebensbedrohliche
Situation. Doch nicht er allein kann dafür die Verantwortung
übernehmen. Auch die anderen Mitglieder der Gruppe tragen durch
unterschiedliche Reaktionen dazu bei...
"Abstände" seziert auf teilweise animalische Weise das Ablaufen
eines Gen-Unfalls auf einer Wissenschaftsstation. Dass
bedingungsloses Vertrauen in die Technik den Untergang
beschleunigen kann, liegt auf der Hand. An Hand eines tragischen
Schicksals eines Paares wird dies eindrucksvoll unterlegt...
In "Zaatar" wird einem starrsinnigen Professor von einem
ehemaligen Studenten, den er einst auslachte, die
Zeitreise-Theorie bewiesen. Da die Reise als solches aber nur in
eine Richtung geht, vergibt der Professor durch seine Ignoranz
eine große Chance...
Die letzte Geschichte, "Zero-Welt" beschreibt die
Kontaktversuche einer außerirdischen Intelligenz mit den
Menschen. Aktion und Reaktion - wie man in den Wald ruft...
Aufgrund ihrer Verhaltensweisen müssen sich die Menschen der
Expedition qualifizieren, um einen Kontakt zu ermöglichen. Nur
der Würdigste unter den Menschen wird für die Kontaktaufnahme
zugelassen. Was aber macht diesen aus ?
Wolfram Kobers Erzählungen sind
ein Spiegelbild menschlicher Ideale und Verhaltensnormen. In
spannender, die Handlung nie vernachlässigender Form, und
trotzdem sehr bildhaft geschrieben, muss sich zuletzt ihr Leser
selbst fragen, wie er in den einzelnen Situationen entschieden
hätte. Die Akteure werden selten für ihr Handeln direkt
verurteilt, nur die möglichen Konsequenzen werden eindrucksvoll
beschrieben.
Wolfram Kober: Nova
(Verlag Das Neue Berlin 1983)
gelesen von Daniel Marinow
Wolfram Kober: Nova. Utopische Erzählungen. Verlag Das Neue
Berlin 1983, 229 Seiten, 6,50 Mark.
(Bekannte Erzählmuster mit
widersprüchlichem Eindruck - Zu Wolfram Kobers utopischen
Erzählungen "Nova")
Mit "Nova" legte Wolfram Kober
jetzt seinen ersten Erzählungsband vor, nachdem in Anthologien
schon einzelne Science-Fiction-Geschichten von ihm erschienen
sind. Das Buch enthält Nachnutzungen altbekannter Erzählmuster
der Science Fiction. Kober entdeckt dabei Neues, aber auch
Plattheiten sind ihm unterlaufen.
In "Schuld" etwa konstruiert der
Autor umständlich einen Unglücksfall, in dessen Verlauf auf
einen der beiden Kosmonauten alle Schuld geladen wird, um zum
Schluss den anderen als schuldig hinzustellen. Die Pointe
überrascht aber ebensowenig wie die in "Genesung", wo der Leser
durch den belehrenden Ton fünfzehn Seiten vor dem Schluss schon
alles weiß. Die Zeitreisegeschichte "Zaatar" ergeht sich in
pseudowissenschaftlichem Dialog und sagt, wie meist, wenn SF mit
der Zeitmaschine spielt, wenig.
Überzeugen kann Wolfram Kober
dann, wenn er die schon benutzten Ausgangssituationen auf
wirklich neue Weise verwendet. Dann entstehen beeindruckende
Erzählungen wie die psychologische Studie "Ehrgeiz" und vor
allem "Der Krieg": Aus irrwitzigem supertechnischem
Kriegsgeschehen wird eine Gruppe Soldaten in die Zukunft geholt,
in der ihr Krieg und alle Kriege vergessen sind. Hier wird
eindringlich gestaltet, wie und warum einer der Soldaten zur
Menschlichkeit zurückfindet; und auch, warum seine Kameraden
dazu nicht fähig sind.
In anderen Geschichten ist Kober
nur wieder auf die bekannten Muster gestoßen; die
Handlungsabläufe von Kobers "Zero-Welt" und Bernd Ulbrichs "Die
Barriere" z.B. ähneln einander. Die Sprache des Autors zielt
stets auf die Charakterisierung der Figuren ab, da werden
Einzelheiten über die Menschen mitgeteilt. Aber nicht immer
entsteht aus diesen Einzelheiten ein vorstellbares Bild, weil
Kobers Lakonismus überwiegt. Das Problem ist andererseits ein
Missverhältnis von erzählerischem Aufwand und schließlichem
Ergebnis (ungeachtet der durchweg wichtigen Themen). Etwa dann,
wenn in "Das Wrack" sich lange Erörterungen und Beschreibungen
aneinanderreihen, bis die Geschichte zu einem hektischen Schluss
getrieben wird. Dabei kann Kober es besser, wie er in "Abstände"
unter Beweis stellt, indem er eine an sich schwache Story
facettenartig aufgliedert und dadurch nacherlebbar macht.
Das hätte man auch den anderen
Geschichten des Bandes gewünscht. So bleibt ein, vorsichtig
gesagt, widersprüchlicher Eindruck.
In: Volksstimme, Magdeburg,
5.1.1984.
Auch in CIAO
Ein Erfahrungsbericht von Dr.Karsten.Kruschel
über Nova / Kober, Wolfram
(13.01.2000)
Olaf R. Spittel - Science
Fiction der 80Jahre (Auszug)
Auch Wolfram Kober debütierte mit
Erzählungen, von denen jedoch nur die des ersten Bandes ("Nova")
halbwegs überzeugen konnten. Direkter noch als bei Dittfeld geht
es um vertraute menschliche Konflikte, die dann aber gewaltsam
auf eine moralische Schlusskonsequenz hin gestaltet wurden.
Konnten die "Nova"-Geschichten noch über den oft misslungenen
Versuch, die Geschichte auf eine Pointe zulaufen zu lassen,
durch ihre thematische Vielfalt hinwegtrösten, zeigten die
Erzählungen im zweiten Band ("Exoschiff") bereits
routinehafte Erstarrung und Wiederholung. Daneben finden sich
unverhältnismäßig viele sprachliche Unsauberkeiten, besonders
dort, wo der Autor sichtlich um Originalität bemüht war. Einige
der Ideen wirken recht unausgereift. Insbesondere Kobers
verkrampfte Versuche, über Sex zu schreiben, wären besser ganz
unterblieben.
Jörg Thomas (Du und das Buch,
1988)
... Uneingeschränktes Lob allerdings gebührt Wolfram Kober:
"Exoschiff"
vereint neun Erzählungen
unterschiedlicher Thematik. Spannend, originell, brisant, ein
Feuerwerk der Ideen. Und immer sind wir gemeint, ganz direkt und
treffend. .... Es wird schnörkellos und konsequent erzählt.
Kober reizt die kleine Form bis an ihre Grenzen aus und erreicht
enorme Dichte. Betroffenheit und Vergnügen bis zu letzten Seite.
[1]+++[WOLFRAM KOBER, ein ehemaliger Autor der
DDR, schrieb 1983 "Nova". Das Buch entstand im Verlag DAS NEUE
BERLIN. Mit 229 Seiten und 10 Geschichten, mit dem Label
»Utopische Erzählungen«, die, die Wesenheit MENSCH betreffen.]
Wir stützen uns auf den passablen Klappentext, sowie die
Autorenvorstellung in [7]: "Science-fiction der DDR. Autoren und
Werke." - von SIMON/SPITTEL 1988. Ein Werk über DDR-Autoren,
dass wahrscheinlich damals im Schlepptau des Werkes [2]:
"Lexikon der Science Fiction Literatur" 1987, von ALPERS/ FUCHS/
HAHN/ JESCHKE, stand.
Der Klappentext sagt aus: »Der Autor, W.KOBER, wendet sich in 10
Erzählungen dem Wesenskern der menschlichen Existenz zu. Was
vermag ein Mensch? Wofür lebt er? Welche Ansprüche stellt er an
sich? Der Mensch gehört zu den Rätseln der Welt, vielleicht ist
er das größte.«
[7] erwähnt, dass KOBER in Zwickau 1950 geboren wurde, als
Lehrer arbeitete, und zwischen 1968 und 1986 siebzehn
SF-Kurzgeschichten schrieb. Dominierend für den "Technikus",
auch für die Anthologie "Begegnung im Licht". 1983 und 1984 die
Collectionen "Nova" und "Exoschiff" - jeweils Utopische
Erzählungen - veröffentlichte. KOBERs Erzählungen aus den frühen
Jahren seien teilweise naiv und didaktisch. Er stelle oft die
Grundfrage der Kunst: Wer ist der Mensch, was vermag er? KOBER
schreibt über bekannte Situationen, z.B. über außerirdische
Intelligenzen, Leichtsinn verursacht Unglücksfall, Untergang
einer Zivilisation durch eine Nova, Test zur Herausfindung des
Kontaktfreudigsten, ob der Neid den Menschen blendet oder das
Grauen ihn lähmt, ob er aus pflichtgemäßen Denk- und
Verhaltensmustern ausbricht, usw. Die ausgewählte
Erzähl-Thematik gibt auch heute noch den Geschichten Aktualität
und modernes Gepräge, wenn auch mitunter die "sozialistische
Droge" schwach spürbar wird. Heute setzt KOBER seine
Bestrebungen auf die Homepage www.zeitspur.de, im Bunde mit
anderen, eine Art Anleitung für das Schreiben von SF-Storys
junger Autoren ... [MST].
16.04.2004 Steinert im Weblog |