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Zaatar
Als ich ihn wieder sah,
erkannte ich ihn anfangs nicht. Da war nur das Gefühl, als wenn …
Erst als wir uns
anstarrten, überfiel mich der erste Schimmer unsicheren Erkennens.
Ich versuchte ein
unbestimmtes Grinsen, von dem man nicht ablesen sollte, was es
bedeutete. Offensichtlich erging es Zaatar ebenso; auch er machte keinen
glücklichen Eindruck.
Hastig kramte ich in
meinem schlechten Gedächtnis, verglich, sortierte aus. In meinem Alter
ist das nicht weiter verwunderlich, dass ich ein Weilchen benötigte,
bevor die Klappe fiel: Der stechende, eindringliche Blick und das zu
groß geratene linke Ohr.
Sonst hatte er kaum noch
Ähnlichkeit mehr mit dem Mann, dessen Bild sich in meiner Erinnerung
versteckt hatte. Er sah abgehärmt aus, seine Wangen waren eingefallen,
und vom ehemals vollen, dichten Haar waren nur noch ein paar dünne,
silbrige Strähnen übrig geblieben.
Ja natürlich, das war
Zaatar, ein streitsüchtiger Sonderling, den ich einmal im Kreis der
Universitätsstudenten kennen gelernt, bald darauf aber aus den Augen
verloren und schließlich vergessen hatte.
Dann sah ich, wie sich
sein Gesicht aufhellte. Er stand auf, nahm das Glas vom Tisch und kam in
der für ihn typischen Schräglage auf mich zu. „Pisa“ hatten sie ihn
damals auch genannt.
„Guten Tag, Professor
O'Hyra.“ Es klang höflich und anständig, was ich in diesem Augenblick,
weiß der Teufel warum, eigentlich nicht von ihm erwartet hatte.
Irgendwo, in geheimen Nischen meines Gedächtnisses musste sich eine
unbekannte Regel versteckt haben. Vielleicht trug ich ihm seine
Streitsucht noch immer nach.
Ich lud ihn zum Sitzen
ein.
„Entschuldigen Sie, dass
ich Sie so einfach überfalle, aber unter all den Menschen hier“ - er
vollführte eine ausholende Armbewegung - „sind Sie der Einzige, den ich
kenne. Ich freue mich, gerade Sie hier anzutreffen. Ich hoffe, ich störe
nicht.“
Es fiel mir nicht ein,
weshalb es ihn freuen sollte; wir hatten ja kaum etwas zusammen zu tun
gehabt. Ein Wunder, dass wir uns nach so vielen Jahren überhaupt wieder
erkannt hatten.
„Aber nein, Setzen sie
sich ruhig zu mir.“
„Ich sehe schon,
Professor, Sie können sich nicht mehr genau erinnern.“ Plötzlich klang
seine Stimme plump vertraulich.
Ich nickte verlegen.
„Wir hatten vor langer
Zeit, jetzt sind es vielleicht zwanzig Jahre, eine heftige Diskussion
über das Problem des Zeittransits. Ich war damals der Meinung ...“
Die Erinnerung brach wie
eine Eruption aus meinem verschütteten Gedächtnis hervor. Natürlich,
dieser komische Kauz hatte allen Ernstes die Behauptung aufgestellt, die
Theorien und Lehrsätze von Nordfield und Bylkoski über die
Zeitdeformation seien falsch, aber keinen einzigen Gegenbeweis
angetreten. Obwohl ich ihm mehrere Male und haarklein die zwingende
Logik der ZT-Theorie auseinandergesetzt hatte, war er starrköpfig bei
seiner Meinung geblieben, der Transit in der Zeit sei trotzdem möglich.
Ein verhinderter Wells.
Ich musste unwillkürlich
lachen, aber es tat mir sofort leid. „Ja, ich entsinne mich, Zaatar. Und
- ist es Ihnen gelungen?“
„Gewiss, Professor“,
sagte er schlicht, doch mit solch einem Nachdruck, dass es mich stutzig
machte. Vielleicht musste ich ihm abermals zeigen, dass er Unrecht hatte
- noch immer.
„Und … wann gelang Ihnen
der ... Beweis für Ihre Hypothesen?“ fragte ich vorsichtig. Dass meine
Stimme einen lauernden Unterton bekam, konnte ich nicht verhindern.
„Gestern.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Verzeihen Sie einem alten Mann, mein Freund, dass er skeptisch ist.
Ihre Behauptung entbehrte schon damals jeglicher Grundlage, und ich habe
die Befürchtung, dass es heute nicht anders ist.“
„Sie halten mich für
einen Wirrkopf, nicht wahr?“ fragte er fast liebenswürdig. Das Glas in
der rechten Hand, lehnte er sich zurück. Dabei saß er ein wenig schräg
und steif auf dem Stuhl.
Ich hütete mich zu
nicken und versuchte, seinem Blick neutral zu begegnen. Aber irgendwie
hatte ich die Befürchtung, dass mir das nicht gelang.
„Wissen Sie, vor zwanzig
Jahren war ich voller fixer Ideen. Ich lebte in dem Glauben, dass die
Zeit als materieller Vorgang auch technisch beherrschbar sei. So, wie
man radioaktive Strahlung bändigt und den Strom ausnutzt. Nun, fast
hätten Sie mich damals überzeugt, denn ich hatte ja nur die Idee, nichts
anderes. Vor allem – warum soll sich das, was sich das menschliche Genie
ausdenkt, nicht doch in die Realität umsetzen lassen? Am Anfang steht
immer die Vision … Aber wenn es Sie befriedigt - ich musste den Gedanken
tatsächlich aufgeben. Die Phantasie allerdings ist mir geblieben. Zum
Glück! Was wäre wohl ein Wissenschaftler ohne Vorstellungskraft? Nichts
als ein vertrockneter Baum.“
Zaatar nahm einen
kleinen Schluck aus seinem Glas.
„Vor zwei Jahren hat
mich der Zufall wieder darauf gebracht. Seit knapp fünf Jahren bin ich
Versuchsleiter am Nucleotronikinstitut. Mein Spezialgebiet sind
Tachyonen. Unser Auftrag lautete, die hypothetischen Teilchen trotz
ihrer überlichtschnellen Geschwindigkeit nachzuweisen.“
Ich hatte die
Forschungen der Grenzgebiete der Extremwissenschaften immer für Zeit-
und Energieverschwendung gehalten. Schließlich gab es nützlichere
Gebiete. Zugegeben, trotz meiner Skepsis hatte ich im Geist den Hut
gezogen, als die Nachricht über den geglückten Nachweis von Tachyonen
durch die Fachwelt ging. Praktisch ließ sich das aber nicht verwerten
und seitdem hatte ich auch nie wieder etwas davon gehört. Vermutlich war
das Problem noch nicht gelöst.
Ich fragte ihn.
Zaatar antwortete
ausweichend. „Ja und nein, Professor. Wir waren ja davon ausgegangen,
dass sich die überschnellen Teilchen nutzen ließen, zum Beispiel zur
Informationsübertragung in der Raumfahrt. Aber alle diesbezüglichen
Versuche schlugen fehl, weil die Teilchen einen noch komplizierteren
Charakter haben, als wir theoretisch begründen konnten. Nach Nordfields
Theorie bewegen sie sich nur in einer Zeitspanne von wenigen
Nanosekunden, danach nicht mehr. Dabei verändert sich ihr
Informationsgehalt oder, anders ausgedrückt, ihre Struktur.“
Seine Ausführungen
machten mich trotz meiner Skepsis neugierig. „Und was hat das mit Ihrem
Zeittransit zu tun?“
„Nun, sie bewegen sich
in der Zeit, Professor.“
Das verblüffte mich
schon. Wenn ich ihm seine Behauptung abnahm, und bereits das
widerstrebte meinem Verstand, welchen Nachweis konnte er dafür
erbringen?
Zaatar lächelte wieder
jenes feine, überlegene Lächeln, das mich ein wenig unsicher machte.
„Gestern ist es uns endlich gelungen, Tachyonen auszusenden und auch
wieder einzufangen. Ich benutzte dazu eine Gravostruktur, die das
weitere Entweichen der Tachyonen oder irreguläre Bahnen verhindert. Die
Tachyonen waren um etwa hundert Jahre gealtert; wir haben es über die
Computer geprüft - es gibt keinen Fehler. Das heißt nichts anderes, als
dass sie in der Zukunft waren.“
Seine Stimme klang nun
triumphierend.
Ich erwiderte
vorsichtshalber nichts, denn ich wusste, wie viele Möglichkeiten des
Irrtums bei derartig diffizilen Versuchen bestanden. Als ich schließlich
meine Zweifel in behutsame Worte kleidete, wurde Zaatar zornig. Nicht
viel, aber doch bemerkbar.
„Die Zeit der
Entwicklung ist über Sie hinweg geschritten, Professor O'Hyra. Was Sie
heute nicht glauben, wird morgen jedes Kind als Tatsache anerkennen.
Zeitreisen sind möglich. Guten Tag!“
Er stellte das Glas mit
einem lauten Geräusch auf den Tisch, stand abrupt auf und verließ mich.
Diese Jugend, dachte
ich, weshalb muss sie erst bis zum Alter warten, um einzusehen, dass die
Welt nicht nur aus ihren Wünschen und Vorstellungen besteht. Nicht mal
ausgetrunken hatte er, dieser Zaatar …
Lange Zeit hörte und sah
ich nichts von Zaatar. Weder von ihm noch von den Tachyonen, geschweige
denn vom Zeittransit. Nirgendwo gab es zu diesem Thema eine aktuelle
Information. Insgeheim hatte ich gedacht, er würde sich bei mir melden,
aber er schien mich vergessen zu haben. Obwohl ich seine Behauptung nach
wie vor ablehnte, trieb mich die kindische Neugier des Alters doch dazu,
die Entwicklung des Nucleotronikinstituts zu verfolgen. Natürlich ohne
Resultat betreffs Zaatars Forschungen.
Als ich schon glaubte,
die ganze Geschichte hätte sich wie erwartet im Sande verlaufen, baute
sich an einem Sonntagvormittag ungefragt der Picscreen in meinem
Wohnraum auf. Ich war überrascht, auf dem Feld Zaatars Gesicht zu sehen.
Ohne Begrüßung sagte er
knapp: „Professor O'Hyra, Sie erinnern sich unseres Disputes. Kommen Sie
heute Nachmittag zu mir ins Institut? Siebzehn Uhr? Aber seien sie in
Gottes Namen pünktlich!“
Ich war verblüfft, darum
nickte ich nur.
Die Computerkontrolle am
Eingang kannte mich aus alten Zeiten; mein Psychogramm war noch im
Speicher Verzeichnis, so dass ich ungehindert den Eingang passieren
konnte. Oder hatte Zaatar die Anweisung gegeben? Mir war es letztlich
egal.
Er erwartete mich
sichtlich nervös und trat von einem Bein aufs andere.
Seine Hand fühlte sich
heiß an. Auf seiner Stirn bemerkte ich Schweißtropfen.
Er führte mich in den
leeren Imbissraum.
Ich platzte fast vor
Neugier. „Na - klappt es jetzt mit den Zeitreisen?“ fragte ich, nicht
ohne eine feine Spur Ironie.
„Lassen Sie mich
erzählen“, erwiderte er, „und unterbrechen Sie mich nicht. Ich habe
nicht viel Zeit. Sehen Sie, ich muss mich korrigieren. Irgendetwas
stimmte nicht in unseren Vorstellungen. Alle Hypothesen gingen davon
aus, dass der Mensch sich eines Tages, frei wie ein Vogel in der Luft,
in Zukunft und Vergangenheit würde bewegen können. Ich habe mich davon
anstecken lassen. Vor allem von dem Gedanken, in der Zeit dann selbst
aktiv zu werden. Alles Schwachsinn.“
Er machte eine
wegwerfende Geste.
„Wells Phantastereien
waren Unsinn. Ich bin zu der Schlussfolgerung gelangt, dass dem Gedanken
an solche Reisen ein grundsätzlicher Fehler zugrunde liegt, den wir nur
deshalb nicht erkannten, weil wir die Natur der Zeit nicht begriffen.
Sie ist nicht umkehrbar.“
Er machte eine Pause.
„Wir werden nie reisen
können!“
Ich nickte. Das hatte
ich ihm schon vor zwanzig Jahren erklärt.
„Eine der
Grundeigenschaften der Materie ist ihre Bewegung. Eine andere die Zeit,
in der sie existiert, die so genannte vierte Dimension, ohne welche die
Materie eben nicht denkbar ist. Stellen Sie sich vor, Professor, unser
Leben sei in der Zeit programmiert wie auf einem Film mit einzelnen
Bildern, unendlich vielen Bildern. Die Bewegung bringt sie zum Laufen –
das ist das sich entwickelnde Leben. Wollten Sie eins der Bilder aus der
Vergangenheit oder der Zukunft betrachten, müssten Sie den Film
anhalten. Damit aber erlischt die Bildfolge von der Bewegung zur
Leblosigkeit. Ihr Leben wäre ohne Bewegung – und Sie wären tot.“
„Vergleiche hinken,
Zaatar, Ihrer ganz besonders“, entgegnete ich. „Wenn ich schon in der
Zeit reise, dann will ich doch kein Einzelbild sehen, sondern wiederum
Entwicklung. Damit bleibt der Film nicht stehen, sondern läuft weiter,
und ich lebe.“
„Das stimmt, ich habe
mich nur ungenau ausgedrückt.“
Er brachte mich in
Verwirrung.
„Ich meine auch nicht
Ihr relatives Leben in der Zeit, sondern Ihr jetziges. Hier, in unserer
Zeit, würden Sie den Film anhalten und wären für uns tot und
verschwunden. Dort natürlich liefe Ihr Film weiter.“
Jetzt wurde ich wütend
über den horrenden Blödsinn, den er mir da auftischte. Ich sah einfach
keinen Sinn darin. „Ja, verdammt noch mal, das ist doch egal. Wenn ich
von dort aus wieder in meine Zeit reise, dann beginnt eben hier die
Bewegung von neuem.“
Er lächelte wieder, aber
diesmal irgendwie traurig. „Das können Sie nicht, Professor. Denn Sie
nehmen Ihre gesamte Energie mit in die Zeit. Das ist ein einmaliger,
irreversibler Vorgang. Ich muss zugeben, auch ich bin nicht völlig
hinter die Natur dieses Prozesses gekommen. Aber - würden Sie sich aus
der von Ihnen erreichten fremden Zeit wieder in die normale alte
zurückversetzen, müssten Sie Ihre Energie verbrauchen. Und ohne diese
Energie leben sie nicht mehr. Sie wären in Ihrer Zeit ein Nichts,
einfach nicht mehr existent.“
Da stritt ich mich nun
mit diesem Wirrkopf, dass mir schwindlig im Kopf wurde, und vertrat zu
guter Letzt auch noch seine eigene Hypothese, während er sie leugnete.
Irgendetwas kam mir
seltsam vor. Zaatar begann vor meinen Augen zu flimmern. Ich regte mich
wohl zu sehr auf. Denken Sie an ihr Herz O’Hyra …
„Sagen Sie, Zaatar -
damals, vor kurzem, als wir uns trafen, haben Sie behauptet, Ihre
Tachyonen wären um hundert Jahre gealtert. Das schien doch Ihren
Zeittransit zu bestätigen.“
„Der Computer hat sich
geirrt - nein, sagen wir, teilweise geirrt. Sicher waren diese Teilchen
älter als die, die wir losschickten. Aber es waren eben nicht mehr
dieselben. Es waren keine Tachyonen mehr. Es waren nur noch Teilchen,
die nach kurzer Zeit zerfielen, bis sie nicht mehr nachzuweisen waren -
einfach verschwunden.“
Seine Stimme wurde
dunkler. Ich hatte Mühe, ihn zu verstehen.
„Sie hatten ihre Energie
verbraucht, als sie sich entgegen dem Verlauf der Zeit bewegten.
Vielleicht kehrten sie auch in die Zukunft zurück, aus der sie gerade
kamen. Ich weiß es nicht. Aber schön wäre es.“
Ein Geräusch hinter mir
lenkte mich ab. Der Wind hatte an einem geöffneten Fenster gerüttelt.
Als ich mich wieder umdrehte, war Zaatar verschwunden.
Ich ärgerte mich
unendlich. Warum hatte ich ihn nicht ausreden lassen? Er hätte mir sagen
können, wie es in der Zukunft aussah.
© Wolfram Kober
(1983/2003), Erschienen 2003 in "ZeitSpur 1",
Zeitspurverlag
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