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Maschinenmenschen
(Auszug)
1
Er schaltete das
frei schwebende Holofeld ab und verließ sich völlig auf die Swlngby,
seinen Raumspringer, der auf dem Leitstrahl dem Transport-Dock entgegen
ritt.
Dass der nun dunkle
Hoscreen immer seiner Blickrichtung folgte, nahm er kaum wahr. Aber das
Feld war anwesend und verstärkte mit seiner Finsternis die Stille in der
kleinen Zentrale. Eine Stille, die ihm Gelegenheit gab, den Ballast der
Vergangenheit in diesem wandernden Düstermaul gleichsam zu versenken.
Der Ballast war die
gescheiterte Partnerschaft mit Gharia. Das Gezänk um Kleinigkeiten,
beiderseitige, übellaunische Anschuldigungen. Der Vorwurf, die Maschinen
seien ihm der Nabel des Universums. Seine Entgegnung, ihre egozentrische
Sucht, ihn zu umklammern, sei von ebensolchem Übel, enge ein, stumpfe
ab. Welch ein Unterschied zwischen dem ersten, aufregenden Berührungen
und dem galligen Ende … Was waren ihre steifen Brustwarzen während der
sexuellen Gelage jetzt noch wert? Was ihre einmalig fühlbare Klitoris
oder die schönen Schamlippen? Was ihr tiefes Stöhnen …
Nur - die zertrennten
Wurzeln dreijähriger gegenseitiger Gewohnheit, dieses einmalige Geflecht
von Liebe und Hass, das alles sank nicht so leicht wie das Weib Gharia.
Trotzdem fühlte er
sich befreit.
Er war versucht sich
Mo-Station, die hinter der Swingby kaum noch mit bloßem Auge zu sehen
war, ein letztes Mal auf den Hoscreen zu rufen; so als eine Art
Abschiedszeremonie. Diesen schartigen Klumpen, in den sich die Menschen
wie Maden hinein gefressen hatten, um Wissenschaft zu betreiben. Den Ort
langer, verbissener Auseinandersetzung mit den Problemen des freien
Nullzeit-Transportes, auch Morqual-Sprung genannt.
Vielleicht hatte
diese Arbeit zu wenig Kraft übrig gelassen, um mit Gharia leben zu
können?
Er wusste es nicht.
Die Frau war ihm gleichgültig geworden, ohne dass er die Zeit rigoros
vergessen wollte. Aber es tat ihm wohl, all die Schwierigkeiten und
Anstrengungen hinter sich zu lassen. Aufbruch zu neuen Horizonten …
Der Hoscreen
aktivierte sich ohne seinen Befehl.
Er sah einen grellen
Faden sekundenlang durch das All stechen. Für eine Sekunde blass
leuchtend verdampfte ein Brocken Materie.
Eigenmächtigkeiten,
dachte er lahm. Diese Maschinen ignorierten Anweisungen, wenn sie es für
sinnvoll hielten.
Irgendwie schloss er
in diesem Moment ab. Nein, keine Sentimentalitäten mehr. Auch die
Station sollte ihm gestohlen bleiben. Ebenso wie die Frau.
Trotzdem fühlte er
sich unruhig und gereizt.
"Ich empfange den
Impuls", meldete sich die Swingby. "Wir befinden uns fünfzehn Minuten
vom Dock entfernt. Haben Sie besondere Anweisungen?"
Wir hatte sie gesagt. Der Mensch und
die Maschine. Wir!
„Nein! Halt den
Mund!" Er sagte es und ärgerte sich über sich selber. Seit wann besaß
die Swingby einen Mund? Er war darauf hereingefallen, dass auch in
diesem Transportmittel phonetische Interaktion im Programm verankert
war. Fast jede Maschine besaß so etwas. Er konnte sich mit ihnen
unterhalten.
Nein, keine
Anweisungen. Das Dock würde ihn programmgemäß in den Inneren Kreis
strahlen. Vor dort wollte er zur Erde. Oder sollte er die Marswelten
wählen? Es war ihm gleichgültig. Da wie dort würde sich Weiteres finden.
Schließlich, aus
Langeweile, aktivierte er den Hoscreen doch wieder.
Der Schlund des Docks
leuchtete dunkelrot. Ein Oval, das ihn verschlingen, auflösen und
fortbringen würde von hier.
Er fürchtete sich
davor, die Empfindungen des gespaltenen und wie auf eine Mauer
geschmetterten Bewusstseins zu erleben. Den Transportschmerz, die
Pressionswandlung und die anschließende Metamorphierung, die das Ich zu
einem Nichts verformte und bis an die Grenze der Phrenesie drängte. All
das nahm trotzdem er in Kauf, um die Flucht von Gharia und dem
Asteroiden schnell zu vervollständigen.
Technik war immer ein
zweischneidiges Schwert.
„Wir befinden uns
drei Minuten vom Dock entfernt. Haben Sie besondere Anweisungen?"
Auf dem Hoscreen
erschienen die gewaltigen Gitter der Projektoren, die sich wie
entfaltete Flügel weit vom birnenförmigen Hauptkörper streckten.
Am liebsten hätte er
auf den obligatorischen Gruß verzichtet, aber er wollte seinen Abschied
aus den Whollman-Sektoren nicht mit einer Unhöflichkeit begehen. Auch
wenn er keinem der Technos auf dem Dock je persönlich begegnen würde,
sollten sie ihn nicht als Eigenbrötler in Erinnerung behalten.
"Stell eine
Verbindung zum Menschenzentrum des Docks her. Ich will mich melden und
verabschieden.“
Die Swingby antwortete:
"Dockkontakt auf Zero. Für den Input gesperrt. Soll ich die Sendung
konservieren und später wiederholen?"
Er wunderte sich. Die
Zentrale hätte wenigstens durch den Notkanal geöffnet sein müssen. Und -
das Dock wies doch in allen Parametern volle Funktionsbereitschaft aus.
Warum dann auf Zero?
Aber im Grunde war er
froh, nun auf die Höflichkeitsfloskel verzichten zu können. Er
erwiderte: "Nein, keine Konservierung."
Auf dem Hoscreen
waren die die Projektionsgitter zum Greifen nahe gekommen. Das wabernde
Oval schien nun übergroß.
"Bis Destruktion
sechzig minus eins."
Eine kalte,
kribbelnde Welle lief über seine Kopfhaut. Er presste die Zähne
aufeinander. Dann setzte der Schmerz ein. Etwas in ihm zerriss. Aus dem
Spalt leckten rote Wirbel. Das Denken quetschte sich zu einer winzigen
Kugel zusammen, platzte, flüchtete sich in entfernteste Regionen, und es
war, als zerfaserte er in Milliarden Partikel.
....
© Wolfram Kober, 1988/April 2003
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