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Mo'yin der Alill
(Auszug)
Das Rudel giftig-lilaer Schlieren trudelte auf Mo’yin zu, umkreiste ihn
in flirrendem Flug, rieb an seiner Haut, betupfte das schuppige Haar.
Von einem panischen Moment zum anderen verkrampfte er sich, die drei
Arme eng an den Rumpf gepresst, lebte sparflammig vor Furcht.
Von weit drang das schrille Heulen des Ordrufs, dem Grenzsturm, der sich
ewig an der Tagscheide durch die Felsspalten zwängte. In diesem
Augenblick klang es für Mo’yin wie der Ruf des einbeinigen Olmimörders
Hacai.
Er
spürte, wie mit der Angst seine Kraft versickerte, wie sie ihn schwach
und klein machte, zu einem Nichts, mit dem die Mächte des Dunkellandes
frei spielen und toben konnten in ihrem unergründlichen Belieben.
Er
schwankte zwischen Hoffnungslosigkeit und Hoffnung, aber die Waage
senkte sich unter der Schwere der Furcht.
Vielleicht, dachte er, wäre es besser gewesen, er hätte auf die Suche
nach dem tierischen Gefährten verzichtet und ihrer besonderen
Freundschaft endgültig entsagt. Wäre dort geblieben, wo das Heim lag,
dort in der geschliffenen Kälte des Hellenlandes, dort, wo er wohl
einsam, nicht aber gejagt war von Feinden.
Das niedrige Feuer in der Nische der Wohnhöhle zertrennte flackernd die
Dunkelheit und wehte mit der Wärme Leben herüber. Er kroch ein wenig
näher an die Flammen, aber nicht zu dicht, denn Hitze schadete Luur, dem
Siebenfüßler, der seinen Leib auf Mo’yins Schoß zusammengerollt hatte.
Es
hatte Mo’yin Monate unendlicher Geduld gekostet, den Siebenfüßler
aufzuspüren, sein Vertrauen zu gewinnen und ihn zutraulich zu machen.
Noch kein Alill hatte das je getan. Die harmlosen Pflanzenfresser waren
so scheu, dass man sie kaum zu Gesicht bekam. Sie wurden ignoriert, auch
aufgrund des herben Geruches, den sie verbreiteten.
Mo’yin aber hatte eine besondere Beziehung zu diesem Siebenfüßler
entwickelt. Manchmal trafen sie sich in der Ebene, berührten einander,
und das Tier wärmte sich für kurze Zeit. Manchmal nahm er es mit in den
Schutz des Heimes.
Ganz steif saß er nun da, obwohl die Glut ihn lockerte von der
erfrorenen Luft, in der er zwei Tage hatte jagen müssen. Er wagte nicht,
sich zu bewegen, sich zu drehen, den Blick seitwärts zu wenden, dahin,
wo die anderen hockten, eng nebeneinander, wenngleich ohne sich zu
verbinden.
Er
hörte ihr Flüstern, das sich widerbrach in den Rissen der Höhle. Er
hörte die Töne und Geräusche, vermochte aber nicht, sie zu trennen und
in verständliche Worte zu übersetzen. Da war nur das Gefühl, nicht dazu
zu gehören.
A’yon trat heran, warf schwungvoll Baumsplitter auf die Glut. Die
Flammen leckten in die Höhe. Myriaden winziger Leuchtfeuer wehten auf
Mo’yin zu. Mit einem schrillen Ton wand sich Luur von den verschränkten
Beinen.
Erschrocken sprang Mo’yin empor, prallte gegen den größeren A’yon, der
grinsend vor ihm stand und keinen Fußbreit nachgab.
„Soll sie draußen stinken. Die Kreatur gehört nicht ins Heim.“
Mo’yin trat zurück, krümmte sich zum Sprung, doch A’yon lachte laut,
stieß ihn vor die Brust. Mo’yin taumelte, fiel, saß plötzlich auf dem
Boden, während A’yon sich abwendete.
Er erhob sich, lief nach draußen, gefolgt von dem Gelächter der anderen.
„Luur“, rief er leise. „Luur ...“
Stille antwortete ihm.
© Wolfram Kober, 1988/Februar 2003
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