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Science Fiction – was ist das und
was will sie?
Kaum finde ich eine Antwort, schon
windet sie sich mir davon und alle intelligenten Versuche zerrinnen zwischen
den Fingern. Und das, obwohl schon tausende von klugen Menschen Antworten
darauf gegeben haben … Offensichtlich gibt es viele Wahrheiten. Darum gibt
meine Betrachtung auch nur meine eigene und ganz subjektive Sichtweise
wieder. Ein persönlicher Splitter, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit
erhebt.
Wohl aufgrund ihres
Selbstverständnisses am Anfang wurde die Science Fiction in der Regel von
der so genannten Literaturwissenschaft ausgegrenzt oder schlicht als
Trivialliteratur abgetan. Eine der Ursachen mag das Ghetto sein, in dem sich
die SF gewollt und ungewollt zu befinden scheint, eine andere das
Unverständnis manches Kritikers. Vielleicht auch die Unlust zur Erkenntnis.
Nichtsdestotrotz hat die SF Größen hervorgebracht – Autoren wie Werke – die
ihresgleichen in anderen Genres suchen.
Für mich ist SF einfach
Literatur. Gute Literatur, wenn sie gut geschrieben ist. Und schlechte, wenn
sie die einfachsten Regeln des Schreibens achtlos beiseite wirft. Diesem
Vorwurf müssen sich die Lektoren beugen, die Unsägliches haben drucken
lassen.
Die vielen Versuche, die
Spielwelten der SF und Phantastik in eine Rolle zu zwängen um ihr dann einen
Namen zu geben sind Legion. Ebenso die tief schürfenden Überlegungen – ist
das nun mehr dies mehr das …?
Irgendwo treffen wir alle
Spielarten wieder, wenn wir sie unter dem inzwischen verbreiteten Begriff
Social Fiction betrachten.
SF verfremdet unsere Welt in
schillernder Weise. Sie verlagert aktuelle Probleme und Fragen und Visionen
in eine Welt, die ein anderes Kleid angezogen hat und uns so schneller
zwingt, darüber nachzudenken. Exotisches wird immer seinen Reiz ausüben.
Unter welchen Anhaltspunkten ich
eine Erzählung oder einen Roman auch drehe und wende – ich finde darin
Personen, die sich (mehr oder minder gut) mit ihrer Umgebung
auseinandersetzen. In ihren Handlungen erzählen sie die momentane Sichtweise
des Autors. Eines Menschen, der in einem ganz bestimmten sozialen Umfeld
lebt, und der ebenso zwingend Strömungen in unserer Gesellschaft literarisch
reflektiert. Mag er sich die Personen und ihren Gesichtskreis von morgen
noch so phantastisch ausdenken – er wird nur die Essenz seiner eigenen
sozialen Erfahrung zu schaffen vermögen. Mit all ihren Ängsten oder Wünschen
oder ihren gedachten Zukünften. Er verpackt. Zuweilen mit dozierenden oder
nur erklärenden Phrasen, zuweilen lebendig und einfach gut.
Bei aller Spielerei durch
Verfremdung – in meinen Erzählungen waren mir immer die kleinen Geschichten
und die Personen meines Umfeldes Richtschnur des Handelns. So haben Leute
ein Denkmal erhalten, ohne es je zu erfahren. Zugegeben, einige Kritiker
empfanden den Erguss meiner Überlegungen als belehrend. Aber ich wollte auch
etwas sagen. Etwas über mich und meine Mitmenschen. Heute, viele Jahre
später, kommt es durchaus vor, dass ich manches anders sehe und auch anders
schreiben würde. Die Wurzel liegt in der Zeit.
Eine Antwort erwächst daraus: Nur
wer seine Sinne sensibilisieren kann, wird auch in der Lage sein, die
einzigartige Mischung der SF zu schmecken. Manchem mag diese Fähigkeit
inzwischen abhanden gekommen zu sein. Manchem auch die Energie, die
Verpackung vom Inhalt zu lösen und nachzuschauen, was sich dahinter
verbirgt.
In den sechziger und siebziger
Jahren überschwemmte ein Überangebot von Texten, die den Namen SF
übergestülpt bekamen, die potentiellen Leser. Nicht, weil es wertvoll und
gut war, nein, weil es eventuell Gewinn hätte bringen können. Ein Reiten auf
einer Welle, die sich naturgemäß verflachte. Und zwischen all dem Schaum
wurde Literatur mitgespült. Science Fiction.
Aber, das kann es doch nicht
gewesen sein?
Das Problem zeigt sich schlicht
in der Art, wie sich Marktwirtschaft verhält. Kaum entpuppt sich irgendetwas
als möglicherweise gewinnträchtig, wird es bis zur bis zur Schmerzgrenze
ausgeschlachtet, bis es niemand (?) mehr sehen, hören und lesen will. Weil
damit eben auch viel Ungenießbares mit vorbei kommt.
Wer sich heute als Autor diesem
Thema gewinnbringend immer noch oder wieder widmet ist in Deutschland
entweder integriert in die größte SF-Serie der Welt namens Perry Rhodan
(deren Phantasie ich übrigens sehr schätze – dieses PR-Universum ist einfach
phantastisch) oder er heißt zum Beispiel Hohlbein. Mit dem Attribut
„gewinnbringend“ soll kein Stab gebrochen werden. Im Gegenteil. Die Autoren
bringen zum Teil Wunderwerke hervor, während in der Regel diese Serien als
Trivial-Literatur abgetan werden.
Große Verlage, am Überschuss
orientiert – lassen viele Versuche, deutsche Literatur unter dem Deckmantel
der SF zu schreiben, gnadenlos scheitern. Marktwirtschaft hat da ihre
strengen Regeln.
Aber – wie Phönix aus der Asche –
erheben sich immer wieder Unsterbliche, die genau wissen was sie wollen und
können: Literatur schreiben, die in den phantastischen Mantel geschlüpft
ist.
Das Ergebnis, in Verkaufszahlen
ausgedrückt, fristet auf dem Büchermarkt meist ein kümmerliches Dasein.
Davon völlig unbeeindruckt entstehen vor allem in der letzten Zeit wieder
Kleinode, die nicht nur des Lesens, sondern vor allem des Nachdenkens wert
sind. Literatur eben.
Ein Trend zeigt sich: Book on
Demand. Da versuchen sich einsame Autoren am Versuch, ihr Geschriebenes
gedruckt unter die Leser zu bringen und kleine Webprojekte, deren Väter an
Dichtkunst glauben. Die Möglichkeiten, die uns das Internet und die
Onlineverknüpfung bieten, machen Hoffnung auf mehr. Literatur ist nicht mehr
an die papierne Ausgabe gebunden, sondern steht sofort und frei und weltweit
zur Verfügung.
Freilich, auch hier besteht die
Gefahr, dass sich wieder Unsägliches sammelt, aber ich schätze diese Gefahr
als gering ein, denn hier wird nicht gnadenlos vermarktet, sondern dem Markt
nur subtil angeboten. Unter diesen veränderten Regeln mag es natürlich auch
schwerer sein, das Gute rasch herauszupicken. Die großen Verlage nehmen mir
die Arbeit der Bewertung mittels Marketing nicht ab. Das muss ich schon
selber tun.
Das eigene Werk gebunden in einem
Bücherregal zu sehen ist wohl noch immer die Krönung des Autorenfleißes. Es
mit den Händen zu fassen und den Geruch des Druckes zu atmen, das bleibt ein
unwiederbringliches Ereignis. Aber man kann allmählich getrost daran gehen,
dieses Erlebnis zu relativieren. E-Books lassen sich ebenso gut lesen.
Nach wie vor versammeln sich
Leser der SF in Gemeinden – Die PR-Fans, die Trekkies, oder die von XYZ …
jede Spielart hat ihre Freunde. Aus dieser Isolation helfen auch nicht
solche Einheiten wie der Science Fiction Club Deutschland oder Epilog mit
Andymon. Dennoch verbleiben sie der SF-Welt als eine Art ordnendes Dach, als
Richtschnur oder als Leuchtfeuer. Je nachdem, wie man es sehen will.
Trotzdem ist nicht zu übersehen,
wie hartnäckig engagierte Autoren oder einfach Fans und das Fandom um die
Gegenwart und Zukunft der Science Fiction ringen. Und das ist gut so. In
ihrer Gesamtheit vereinen sie sich wieder zu einer ausreichend großen Welt
und erkämpfen sich Mitspracherecht. Und wenn wir neben dem Lesevergnügen
auch noch nachdenklich werden und unsere Blicke prüfend auf unser Umfeld
werfen – dann hat die SF ihr Ziel erreicht.
Wie auch immer – diese Literatur
hinterlässt ihre Spuren in der Zeit.
© Wolfram Kober, März 2003 |